“Gehe nicht wählen, marschiere!” – Gewaltverherrlichende Selbstdarstellung der “Autonomen Nationalisten Bückeburg”

Die rechte Szene im Landkreis Schaumburg kommt nicht zur Ruhe. Nachdem sich in der Vergangenheit vor allem in Bückeburg Übergriffe und Anschläge ereigneten, die der lokalen Neonazigruppe “Autonome Nationalisten Bückeburg” (ANBBG) anzurechnen sind, kam es in den letzten Wochen auch in anderen Städten und Dörfern des Kreises zu rechtsmotivierten Vorfällen.

Vor nicht langer Zeit berichteten die Schaumburger Nachrichten unter Berufung auf Schaumburger Ermittlungsbehörden, es gäbe “Keine Hinweise auf Zulauf zur rechten Szene”. Die Ereignisse der darauffolgenden Wochen beweisen das Gegenteil.

Bereits Anfang Juli zerschossen Vermummte die Fensterscheiben einer Wohnung in der Ulmenallee in Bückeburg. Ziel des Angriffes waren zwei junge Erwachsene, die bereits Anfang des Jahres Opfer rechter Gewalt geworden waren. Schon im Januar waren bei ähnlichen Attacken deren Fensterscheiben mit Steinen und Zwillengeschossen zerstört wurden, damals noch in einer anderen Wohnung in der Innenstadt.

Einige Tage zuvor hatten AnhängerInnen der ANBBG Jugendliche in der Innenstadt verfolgt und aus dem fahrenden Auto mit Knallkörpern beworfen.

Dies sollte allerdings nur ein Vorspiel für das sein, was in den nächsten Wochen folgen würde.

Nachdem die antifaschistische Kampagne “Copy and Paste” Mitte Juli zu einer Kundgebung auf dem Bückeburger Marktplatz aufgerufen hatte, wurden am frühen Sonntagmorgen wiederum die Fensterscheiben an einem Einfamilienhaus zerstört. Im Fadenkreuz stand hierbei wohl ein junger Antifaschist, der stellvertretend für die Kampagne “Copy and Paste” im Zuge einer Racheaktion für die Kundgebung eingeschüchtert werden sollte. Getroffen wurde allerdings auch das Fenster eines vierjährigen Kleinkindes, auf dessen Bett sich die Splitter der zerstörten Scheibe verteilten. Das Kind befand sich zur Tatzeit glücklicherweise jedoch nicht im Raum.

Während der Kundgebung verwies die Kampagne eindrücklich darauf, dass möglicher Weise eine neue Welle rechter Gewalt anrolle.

Am 16. August verfolgte eine Gruppe Neonazis zwei Jugendliche, die sich zwischen Luhden und Obernkirchen auf den Nachhauseweg befanden. Die Teenagerin die mit ihrem Freund unterwegs war, war auf Naziaufkleber aufmerksam geworden, die entlang ihres Weges an Laternenmasten verklebt waren. Zusammen kratzten die beiden rechte Propaganda ab. Die wohl zufällig vorbeifahrenden Neonazis wurden hierauf aufmerksam und verfolgten die beiden Jugendlichen im Auto.

Als sie sie eine Weile vor sich hergetrieben hatten gingen sie zum Angriff über. Die TeenagerInnen versuchten sich auf einem Hof zu verstecken, wurden jedoch von den TäterInnen entdeck. Diese begannen sofort auf sie einzuschlagen. Beide erlitten leichte Verletzungen, die TäterInnen flüchteten anschließend.

Naziplakat aus Bückeburg
Unverhohlen fordern Neonazis in Schaumburg den Nationalsozialismus zurück

Vier Tage später fand im Bückeburger Vorort Scheie wie jedes Jahr das Erntefest statt. Auch die regionale Neonaziszene hatte sich hier versammelt, nicht nur zum Feiern.
Im Laufe des Abends kam es zu einem äußerst brutalen Angriff auf drei junge Männer. Aus noch ungeklärten Gründen begannen die Nazis plötzlich auf Mittezwanzigjährige einzuschlagen. Ein Freund der schlichten wollte wurde zu Boden geschlagen und durch Tritte im Gesichtsbereich so erheblich verletzt, dass ihm der Verlust des Augenlichtes drohte.
Mehrere Knochenbrüche im Gesicht mussten in bisher drei OPs behandelt werden. Nach einer vorübergehenden Entlassung liegt das Opfer zur Zeit erneut im Krankenhaus.

Anfang August schlugen auf der Bückeburger Bahnhofstraße drei Neonazis hinerrücks auf zwei AntifaschistInnen ein. Diese erleiden leichtere Verletzungen. Außerdem stehlen die Nazis ein Handy sowie eine Mütze. Die Polizei ermittelt wegen Körperverletzung und Raub.

Auch im Verlauf des Erntefestes in Evesen, einer Ortschaft in der Nähe Bückeburgs, schlugen die Nazis zu. Am neunten September hatten sich dort über 30 AnhängerInnen der rechten Szene versammelt. Auch KameradInnen aus Wunstorf und Hannover waren nach Schaumburg gereist.
Während des Abends kam es immer wieder zu Beleidigungen und Einschüchterungsversuchen gegenüber alternativen oder antifaschistischen Jugendlichen, gegen die die Nazis “Platzverweise” aussprachen – unter Androhung von Gewalt.

Während Bückeburg nach wie vor das Zentrum neonazistischer Aktivitäten in Schaumburg bleibt, scheint die rechte Szene allerdings in den restlichen Landkreis zu expandieren. Dass die Autonomen NationalistInnen aus Bückeburg auch im Umland Fuß zu fassen versuchen, wurde bereits in der Vergangenheit deutlich, als in benachbarten Dörfern rechte Parolen und Aufkleber auftauchten.

Im Zuge der erwähnten Kundgebung in Bückeburg berichteten VertreterInnen der “Schülerinitiative gegen Rechts”, einem Zusammenschluss von SchülerInnen aus Bückeburg und Umgebung, dass die Neonazis unter Jugendlichen, insbesondere in den nahegelegenen Kleinstädten und Dörfern beliebt sind. Der harte Kern der Bückeburger Szene ist daher inzwischen auf rund 20 Personen angewachsen. In ihrem Umfeld tummeln sich bis zu 30 weitere SympathisantInnen der nationalsozialistischen Ideologie.

Derweil kommt es in weiten Teilen Schaumburgs zu rechten Schmierereien und ähnlichen Propagandaaktionen. Mitte Juli tauchten rechte Graffitis am Bahnhof Kirchhorsten und anderen Dörfern auf. Mit ihnen wurde zur Teilnahme am Anfang August stattfindenen “Trauermarsch” in Bad Nenndorf aufgerufen. Für die rechte Szene in Schaumburg ist dieser jährlich stattfindene Aufmarsch von besonderer Bedeutung. Er gilt, besucht von internationalen Nazigruppierungen, als einer der attraktivsten der gesamten Bundesrepublik.



In verschiedenen Ortschaften Schaumburgs überklebten Neonazis Straßenschilder

Im Zusammenhang mit den von Neonazigruppierungen bundesweit ausgerufenen “Rudolf-Heß-Gedenktagen” kam es in verschiedenen Ortschaften Schaumburgs zu so genannten “Straßenumbenennungen”: In der Nacht auf den 28. Juli überklebten Neonazis Straßenschilder, auf denen anschließend “Rudolf-Heß-Str.” zu lesen war. Die regionalen Zeitungen berichteten von einer solchen Aktion in Liekwegen. In Bückeburg benannten Neonazis die Bahnhofstraße um und auch in Wendthagen und Minden kam zu solchen “Umbennungen”.

Rudolf Heß war als Stellvertreter Hitlers während des Zweiten Weltkrieges von britischen Behörden inhaftiert worden. Die Umbennungen waren eine Reaktion auf die Auflösung des Grabes des seit 1987 verstorbenen Altnazis im Juli diesen Jahres.

Auch zu anderen rechten Großveranstaltungen, etwa zum so genannten “Antikriegstag” Anfang September in Dortmund riefen die Nazis auf. Graffities und Plakate verunzierten in verschiedenen Orten des Landkreisen Wände und Stromkästen.

Rechtes Propagandagraffito in Bückeburg
Aufruf zu einem Aufmarsch der “Autonomen Nationalisten” in Dortmund


Selbstverständlichen beteiligten sie sich auch am traditionellen Großaufmarsch der “Autonomen Nationali sten” in der nordrheinwestfälischen Metropole. Ihre Begeisterung nationalsozialistische Aufmärsche hatten sie bereits am Ersten Mai bewiesen, als sie in Halle (Saale) gegen ImmigrantInnen demonstrierten.

Doch auch jenseits derartiger Großveranstaltungen zeigten die Bückeburger Neonazis Initiative: Bereits am 28. Mai organisierten sie zusammen mit ortsansässigen KameradInnen eine unangemeldete Kundgebung in Wunstorf. In Sichtweite des Schützenfestes proklamierten die Nazis auf einem Transparent “Die Demokraten bringen uns den Volkstod”. Eine Parole die sie der Aktionsform der “Unsterblichen” entlehnt haben.

Erstmals traten die Unsterblichen am Ersten Mai in Bautzen auf. Schwarz gekleidet und mit weißen Masken inszenierten sie seitdem in verschiedenen deutschen Städten martialisch wirkende Fackelmärsche. Getragen werden Aufmärsche dieser Art von ortsansässigen Neonazigruppierungen, die “corporate identity” der Aktionsform sorgt dabei für einen hohen Wiedererkennungswert.

Am späten Abend des dritten Juni zogen die “Unsterblichen” auch durch Hannover. Organisiert von der dortigen Kameradschaft “Besseres Hannover”, wurde der Fackelmarsch unter anderem von Mitglieder der “Autonomen Nationalisen Bückeburg” mitgetragen.

Die Unsterblichen marschieren in Hannover auf
Die Unsterblichen marschieren in Hannover auf

Auch in Stadthagen taucht seit geraumer Zeit immer mehr rechte Propaganda auf.
Ende Juli hatten Unbekannte zudem einen Schaukasten des Kulturvereins “Alte Polizei” zerstört und Plakate des Bündnisses “Bad Nenndorf ist bunt” entwendet. Das Bündnis organisiert seit einigen Jahren Protestaktionen gegen den Naziaufmarsch in Bad Nenndorf.

Zusätzlich hinterließen die TäterInnen laut Schaumburger Nachrichten Aufkleber mit neonazistischer Propaganda am Gebäude.

Zwar berichteten die regionalen Zeitungen über viele dieser Vorkommnisse, zogen in ihrer Berichterstattung jedoch keinen Zusammenhang zwischen den Ereignissen. Immer wieder wurde stattdessen beteuert, in der betreffenden Ortschaft existiere keine rechte Szene, oder erwähnten in ihrer Berichterstattung über rechtsmotivierte Angriffe den neonazistischen Hintergrund der Taten nicht.

Die Vorkommnisse in der Schaumburger Provinz hatten bereits Anfang des Jahres die Aufmerksamkeit der Landtagsfraktionen der Grünen und der Linken gewegt.
Beide stellten damals Kleine Anfragen an die Landesregierung. Diese sind inzwischen beantwortet worden.
Aus ihnen geht hervor, dass der Landkreis Schaumburg mittlerweile der Landkreis mit der höchsten Anzahl rechter Straftaten in ganz Niedersachsen ist. Übertroffen wird er nur durch die wesentlich bevölkerungsreicheren Region Hannover und die Stadt Hannover. Allein die polizeilich bekannt gewordenen Straftaten belaufen sich hier im zweiten Quartal 2011 auf 20. Die Dunkelziffer dürfte jedoch bedeutend höher liegen.

Vielmehr lässt sich anhand der Geschehnisse jedoch ableiten, dass sich die Neonazis in Schaumburg weiterhin in einem enormen Aufwind befinden und ihr Aktionsradius inzwischen weit über Bückeburg hinausreicht.
Die Szene scheint sich im Landkreis auszubreiten und neue AnhängerInnen auch in Regionen zu gewinnen, die sich in einiger Entfernung zu Bückeburg befinden.
Zweifelsfrei sind sie gewillt ihre Expansion weiter voranzutreiben und auch im Rest Schaumburgs eine gut organisierte neonazistische Szene zu etablieren.

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